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Half-Life: Alyx im Test

Sönke Siemens, Games.ch

93

Sehr gut!

Vier lange Jahre arbeitete Valve hinter verschlossenen Türen an «Half-Life: Alyx». Jetzt ist der ausschliesslich für PC-VR-Headsets erhältliche Ego-Shooter endlich da. Wir haben das Prequel zu «Half-Life 2» getestet und verraten euch möglichst Spoiler-frei, warum es das mit Abstand beste VR-Spiel auf dem Markt ist.

VR-Enthusiasten unter euch erinnern sich eventuell noch an das im April 2016 von Valve veröffentlichte «The Lab». Die zunächst nur für HTC Vive massgeschneiderte Gratis-Software bestand aus acht verschiedenen Technologiedemos, die die Möglichkeiten des neuen Mediums eindrucksvoll unter Beweis stellten. Heraus stach insbesondere «Robo Repair» hervor. Das Reparatur-Minispiel ist nicht nur grafisch extrem aufwendig gemacht, sondern nutzt obendrein Valves Puzzle-Shooter «Portal» als erzählerisches Setting. Die Folge: Fans waren so begeistert, dass bereits nach wenigen Tagen Rufe nach einem vollwertigen VR-Spiel aus dem Hause Valve laut wurden. Da «Portal» im selben Erzähluniversum spielt wie «Half-Life», spekulierten einige sogar, dass Valve das neue Medium VR als Sprungbrett für «Half-Life 3» nutzen könnte.

Knapp vier Jahre später wartet die Welt zwar immer noch auf «Half-Life 3», freut sich aber umso mehr, dass das Studio aus dem US-Bundesstaat Seattle es tatsächlich geschafft hat, einen nahezu gleichwertigen Ersatz abzuliefern. Denn «Half-Life: Alyx» versteht sich als offizielles Prequel zu «Half-Life 2» und zeigt erstmals, was in City 17 geschah, bevor Serienveteran Gordon Freeman dort auftauchte.

Im Fokus steht dabei das Schicksal der Widerstandskämpferin Alyx Vance, die kurz nach Spielbeginn miterlebt, wir ihr Vater Eli Vance von den ausserirdischen Invasoren Combine gefangen genommen wird. Was folgt, ist eine knapp 15-stündige Story-Kampagne, in der Alyx nicht nur alles daransetzt, ihren geliebten Dad zu befreien, sondern auch alle Hände voll zu tun hat, das Geheimnis um eine verheerende Superwaffe zu lüften.

Half-Life: Alyx im Test

Stichwort Hände: Sie sind VR-typisch die Schnittstelle zwischen euch und der virtuellen Welt. Türen öffnen, Leitern emporklettern, Mechanismen in Gang setzen, Schalter drücken, Hindernisse aus dem Weg wuchten, Waffen nachladen – all das und mehr geschieht ganz intuitiv und sorgt dank weitreichender Optimierungen für alle gängigen VR-Controller für ein ungeahntes Mittendrin-Gefühl.

Verstärkt wird letzteres durch eine beeindruckende Liebe zu kleinen Details. Gleich im allerersten Level etwa entdecken aufmerksame Spieler einige Buntstifte in der Nähe eines Fensters. Hebt ihr sie auf, könnt ihr damit nach Belieben die Glasscheibe bemalen. Aber auch viele andere Dinge aus der Umgebung können aufgehoben, aus nächster Nähe inspiziert und manipuliert werden. Besonders sehenswert: Getränkedosen lassen sich mit den Knuckles-Controllern in der Hand zerquetschen. Gameplay-technisch bringt das zwar keine Vorteile, die Immersion profitiert von solchen und anderen Spielereien jedoch ungemein.

Die Mischung machts

Spielmechanisch bleibt «Half-Life: Alyx» der bewährten Serienformel treu und konfrontiert euch mit einer hervorragend ausbalancierten Mixtur aus Erkundungs- und Knobelabschnitten sowie fordernden Kämpfen gegen eine Vielzahl serientypischer Feinde in bisher nicht gekannter optischer Qualität. Ob Headcrabs, Barnicles, Zombies, Combine-Krieger, Ameisenlöwen, Drohnen oder die dreibeinigen Strider: Die 3D-Modelle auf Basis der Source-2-Engine sind eine Augenweide und muten streckenweise fast schon fotorealistisch an.

Hin und wieder trefft ihr zudem auf spannende Neuzugänge wie etwa Jeff in Kapitel 7. Gemeint ist ein kopfloser Zombie in einem Schutzanzug, dessen gesamter Körper von einem mysteriösen Pilz kontrolliert wird. Jeff kann euch zwar nicht sehen, dafür aber verdammt gut hören. Waffen habt ihr in diesem Spielabschnitt übrigens keine, weshalb ihr Jeff durch das Werfen von Objekten in die Irre führen müsst, um zu überleben. Nur eine von vielen tollen Leveldesign-Ideen!

Half-Life: Alyx im Test

Ebenfalls neu sind Headcrabs, die ihren gesamten Rücken mit einem undurchdringbaren Panzer schützen. Draufschiessen ist hier reine Munitionsverschwendung und führt zu nichts. Erst wenn ihr auf die rot leuchtende Markierung auf ihrem Unterleib zielt oder Garanten einsetzt, habt ihr eine Chance, die aufdringlichen Biester loszuwerden.

Zusätzliche Würze erhalten die Kämpfe durch die allgegenwärtige Munitionsknappheit. Was anfangs durchaus für Frust sorgt, relativiert sich jedoch, sobald ihr Truhen, Spinde, Schränke, Schubladen, Regale, Leichen etc. regelmässig nach Magazinen und Patronen durchsucht und beim Abfeuern eurer Waffen mit Bedacht vorgeht.

Apropos Waffen: Sowohl Pistole, Shotgun als auch SMG sind famos modelliert und lassen sich an Combine-Fabrikatoren im Tausch gegen sogenannte Polymere mehrfach aufrüsten. Spendiert ihr der Pistole beispielsweise ein Reflexvisier, werden beim Zielen über Kimme und Korn die Schwachpunkte eurer Feinde orange hervorgehoben. Aber auch Laserzielvorrichtung, Granatwerferaufsatz und ein erweitertes Magazin sind willkommene Verbesserungen, die die schweisstreibenden Kämpfe spürbar erleichtern.

Half-Life: Alyx im Test

Keine Waffe im klassischen Sinne, aber dennoch überaus praktisch sind Alyx‘ Gravitationshandschuhe. Entwickelt von ihrem regelmässig per Funk zugeschalteten Verbündeten Russell, sorgen sie dafür, dass ihr nahezu alle kleinen und mittelgrossen Dinge aus eurer Umgebung selbst aus grösserer Distanz zu euch heranziehen könnt. Einfach anvisieren, warten, bis das Objekt orange aufleuchtet, kurz mit dem Handgelenk schnippen, und schon fliegt der Gegenstand in eure Richtung. Das erfordert zunächst ein bisschen Eingewöhnung, geht dann aber schnell in Fleisch und Blut über und verleiht dem Gameplay weiteren Tiefgang. Wer sich clever anstellt, kann mit dieser Technik zum Beispiel Combine-Soldaten die an ihren Gürteln befestigten Granaten stibitzen.

Motion-Sickness hat kaum eine Chance

Und wie schlägt sich «Half-Life: Alyx» in Sachen Anti-Motion-Sickness-Massnahmen? Ausgesprochen gut! Hauptgrund hierfür ist neben dem hohen Immersionsgrad vor allem die Tatsache, dass Valve eine Vielzahl von Fortbewegungs- und Komfortfunktionen anbietet. Wer mag, kann zum Beispiel klassische Free-Roam-Fortbewegung mit Teleportmanövern kombinieren, den Winkel der Sichtrotation im Detail konfigurieren und sogar festlegen, ob die klebrige Zunge eines Barnicles die Spielfigur zur Decke emporzieht oder schlichtweg nur am Boden stehend Schaden anrichtet.

Half-Life: Alyx im Test

Ebenfalls klasse: Auf Wunsch lässt sich «Half-Life: Alyx» auch im Sitzen spielen (Ducken erfolgt dann auf Knopfdruck) und mit nur einem Controller steuern. Für Menschen mit körperlichen Behinderungen oder Gebrechen ist das ein Segen!

Wow, was für ein Erlebnis! Schon die allerersten Spielminuten sind nicht weniger als eine Offenbarung für jeden Gaming-Enthusiasten und machen unmissverständlich klar, warum Valves Entscheidung, das nächste «Half-Life» exklusiv für das Medium VR zu entwickeln, genau die richtige war.

Sei es nun die streckenweise fast schon fotorealistische Grafik, die allgegenwärtige Liebe zu kleinen Details oder die unglaublich intuitive Steuerung: «Half-Life: Alyx» setzt in all diesen Bereichen VR-Massstäbe. Hinzu kommt, dass es obendrein nicht nur eine toll inszenierte Geschichte erzählt, sondern auch 15 Stunden lang hochgradig unterhaltsames Gameplay bietet. Mit der Taschenlampe im Anschlag durch stockfinstere Tunnel schleichen, während einem Russell Mut zuspricht, mit knappen Munitionsvorräten gegen garstige Headcrabs kämpfen, mit Granaten schwere Combine-Infanterie ausräuchern, mit dem Multitool knifflige 3D-Puzzles lösen – für reichlich Abwechslung ist gesorgt.

 

Fazit

Summary

Kritikpunkte? Die sind zwar vorhanden, beschränken sich aber in erster Linie auf die fehlende deutsche Sprachausgabe, die eher überschaubare Menge an Waffen sowie die vergleichsweise geringe Anzahl an Bosskämpfen. Was bleibt, ist ein nicht perfektes, aber dennoch in vielerlei Hinsicht absolut überwältigendes VR-Erlebnis, das den Headset-Verkauf wie kaum ein anderes VR-Spiel zuvor beflügeln dürfte. Wer glaubt, die Ära "Half-Life" wäre hiermit abgehakt, den können wir übrigens beruhigen. «Wir sehen Half-Life: Alyx als unsere Rückkehr in diese Spielwelt, nicht als das Ende davon», bekräftigte Valve-Designer Robin Walker erst Anfang März 2020 gegenüber dem US-Spielemagazin «Game Informer». Die Chancen stehen also mehr als gut, dass auch «Half-Life 3» früher oder später noch das Licht der Welt erblickt. Bis dahin allerdings können wir nur jedem «Half-Life»-Fan raten, «Alyx» eine Chance zu geben. Hand aufs Herz: Ihr werdet es nicht bereuen!

Pros

  • Fast schon fotorealitische Grafik
  • Sehr Intuitive, vielseitig konfigurierbare Steuerung
  • Fantastische Details, wohin man auch blickt
  • Toller Mix aus Action-, Erkundungs- und Rätsel-Einlagen
  • Wenige, aber sehr gut umgesetzte Waffen mit spannenden Upgrades
  • Humor kommt nicht zu kurz
  • Schön inszenierte Story, die sich prima ins «Half-Life»-Universum einfügt
  • Grandioses Ende

Cons

  • Keine deutsche Spracheausgabe, lediglich deutsche Untertitel
  • Zu wenige Bosskämpfe
  • Leveldesign sehr gut, aber insgesamt recht linear

Bewertung im Detail

  • Gameplay
  • Sound
  • Präsentation
  • Umfang
9.3 10 Sehr gut!