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Astro Bot: Rescue Mission im Test

von Sönke Siemens, Games.ch

86

Empfehlenswert!

Erinnert ihr euch noch an «Playroom VR»? Die kostenlose Minispiel-Sammlung erschien zeitgleich zum Launch von PlayStation VR im Oktober 2016 und bot jede Menge putzige Roboter, die allerlei Herausforderungen meistern mussten. In einem Minispiel ging es beispielsweise darum, eine blauweisse Blechbüchse namens Captain Astro aus Draufsicht durch einen Level zu lotsen und 20 verlorenen gegangene Roboter-Freude zu finden.

Mit «Astro Bot: Rescue Mission» greifen Entwickler ASOBI! Team und Sonys Japan Studio dieses Gameplay-Grundkonzept nun erneut auf und nutzen es als Ausgangspunkt für ein unglaublich charmantes VR-Abenteuer. Ein Abenteuer, von dem wir uns erst wieder losreissen konnten, als die Credits über den Bildschirm scrollten. Hand aufs Herz: Wir haben schon viele VR-Spiele getestet, aber «Astro Bot: Rescue Mission» ist etwas ganz Besonders und nahezu jeder Hinsicht perfekt an das Medium VR angepasst!

Das beginnt schon mit der fantastisch animierten Intro-Sequenz in Spielgrafik. In dieser surrt Captain Astros Raumschiff durchs All, während er und seine Roboter-Crew euphorisch zu hipper Musik abtanzen und sich herrlich amüsieren. Doch die ausgelassene Party-Stimmung währt nur kurz, denn aus dem Nichts taucht plötzlich eine fliegende Untertasse auf, aus der sich ein schleimig-grünes gelauntes Tentakelwesen schält. Die seltsame Kreatur schaut sich kurz um und stellt dabei fest, dass die Frontseite des Raumschiffs wie eine nagelneue PSVR-Brille aussieht – die sie nun natürlich unbedingt haben will.

Astro und seine Gang ahnen das bevorstehende Unheil, drücken voll aufs Gas … Doch zu spät. Mit voller Wucht reisst das Alien die Brille vom Raumschiff, welches wenig später in fünf Einzelteile zerspringt. Eines nach dem anderen gleiten die Teile samt dazugehöriger Crew gen Horizont und formen wenig später fünf funkelnde Sterne. Übrig bleibt wie zu erwarten nur Captain Astro, der sich natürlich sofort auf den Weg macht, um seine insgesamt 213-köpfige Mannschaft zu retten.

Was folgt, ist ein leidenschaftlich designtes Jump-and-Run-Abenteuer, das an allen Ecken und Enden nur so sprudelt vor Spielwitz und VR-optimierten Gameplay-Mechaniken. Mechanik Numero eins: Während ihr euch rennend, springend und kämpfend bis zum Zielpunkt der meist nach vorne scrollenden Level vorarbeitet, müsst ihr euch kontinuierlich in alle Himmelsrichtungen umschauen. Denn nur so ist es möglich, jedes der acht Crew-Mitglieder in einem Level zu entdecken.

Immer schön umschauen

Wir wollen nicht zu viel verraten, aber die Macher haben die kleinen Kerlchen streckenweise wirklich verdammt gut versteckt! Gleich im ersten Level zum Beispiel kauert ein Roboter ganz unten in einem tiefen Lüftungsschacht und ist nur zu sehen, wenn ihr aus einen gewissen Blickwinkel nach unten schaut. Im Spielverlauf werden die Verstecke dann immer raffinierter und erfordern unter anderem, dass ihr euch gezielt nach vorne beugt, um die Ecke lugt oder euch an einer bestimmten Stelle im Level um 180 Grad dreht. Auf Gameplay-Videos mag das komisch aussehen, in VR jedoch sorgt genau das für eine unglaublich hohe Immersion.

Überhaupt lohnt es sich, akribisch jeden Winkel der Level abzusuchen, denn oft sind es auch leuchtende Behälter, riesige Farnblätter oder bröckelige Felswände hinter denen eure Robo-Kumpels Schutz vor neugierigen Blicken suchen. Prima Idee und toll fürs Mittendrin-Gefühl: Wurde ein Robo gerettet, löst er sich nicht einfach in Luft auf oder rennt davon, sondern zündet seine Schubdüsen, setzt auf dem Touchpad des DualShock 4 Controller zur Landung an und macht es sich dort dann bequem. Apropos DualShock 4 Controller: Dieser ist VR-typisch stets in der virtuellen Realität zu sehen und sozusagen die Schnittstelle zwischen euch und Captain Astro.

Verrückte Hilfsmittel

Doch nicht nur präzise Sprünge und ständiges Umschauen sind wichtig, um alle 20 Level der Kampagne zu meistern, auch der richtige Einsatz verschiedener Hilfsmittel spielt eine entscheidende Rolle. Den Anfang macht ein praktisches Enterhaken-Gadget. Kaum freigeschaltet, wird es zunächst eurem virtuellen DualShock 4 Controller wie eine Art Upgrade hinzugefügt.

Anschliessend einfach kurz auf dem Touchpad nach vorne wischen, schon saust der Haken los und krallt sich – präzises Zielen vorausgesetzt – an markierten Ankerpunkten in der Umgebung fest. Was bleibt, ist ein straff gespanntes Seil, das Captain Astro nun zum Beispiel als Rutsche oder Brücke dient. Anderenorts reisst ihr mit dem Seil Wände ein, verwendet es als Trampolin oder nutzt es, um einer Art King-Kong-Verschnitt die Wackelzähne zu ziehen.

Im Spielverlauf gesellen sich ausserdem weitere Upgrades hinzu. Die Wasserkanone etwa löscht Brände, spült klebrige Ölpfützen hinfort, setzt Schaufelräder in Gang und bringt Blumen zum Blühen. Ähnlich viel Spass bereitet die Interaktion mit dem Wurfstern-Katapult. Denn nun könnt ihr Shurikens abfeuern, um Spinnweben zu zertrennen, Bäume umzusäbeln oder kleine Plattformen zu erschaffen, auf denen Astro in neue Levelbereiche vordringt. Himmlisch!

Bildschirmfüllend ist untertrieben

Einmal das Ende einer Spielwelt erreicht, kommt es Genre-typische zum Showdown mit einem Bossgegner. Das Besondere bei «Astro Bot»: Die Bosse sind wirklich gigantisch und lassen den Helden im direkten Vergleich wie ein kleines Insekt erscheinen. Auf Screenshots sieht man diesen Grössenunterschied bereits recht gut, in VR allerdings wirkt er noch imposanter.

Nicht zuletzt, weil die Bosse immer wieder beängstigend nah an euch herankommen. Der Wächter von Welt zwei etwa – ein Lava-resistenter Riesen-Oktopus – attackiert euch mit seinen meterlangen Tentakeln und bespuckt euch mit glühenden Feuerbällen.

Allzu schwierig oder gar frustrierend sind solche Duelle übrigens nicht. Zum einen, weil sich recht schnell ein Bewegungsmuster herauskristallisiert, das man auswendig lernen kann. Zum anderen, weil euch die Entwickler in Bossfights zwei weitere Lebensenergieherzen spendieren. Erst wenn die verwirkt sind, müsst ihr den Kampf von vorn beginnen.

Kriegserklärung an die Langeweile

Mit seinem insgesamt 20 Kampagnen-Leveln, ebenso vielen Zusatzherausforderungen und einem begehbaren Helden-Raumschiff kann «Astro Bot»-Genre-Primus «Super Mario Odyssey» in Sachen Umfang und Spieldauern sicherlich nicht das Wasser reichen. Im Hinblick auf Abwechslung und Ideenreichtum brauchen sich die Macher von «Astro Bot» trotzdem nicht hinter Nintendos Chartstürmer zu verstecken.

Ein hervorragendes Beispiel hierfür ist die erste Unterwasser-Level, der sich streckenweise wirklich so anfühlt, als sein man eben selbst ins kühle Nass abtaucht. Oder nehmen wir Welt 3-3. Hier wird Captain Astro kurzerhand von einem Wal verschluckt und muss sich nun durch dessen Bauch bewegen, um am Ende durch die Nasenöffnung zurück ins Freie katapultiert zu werden.

Der Clou aus Leveldesign-Sicht: Im Bauch des Wals herrscht starker Wellengang, den es nun mit Hilfe eins Schwimmrings zu überwinden gilt. Grandios! Genau wie das saftig grüne Kletterpflanzen-Level, die wilde Lorenfahrt durch einen Vulkan oder knallbunte Sonnenblumen, die passend zu unseren Kopfbewegungen mitwippen.

Applaus zudem für die Idee mit dem in jedem Level platzierten Chamäleon, das sich geschickt an die Farben seiner Umgebung anpasst. Findet ihr das Reptil, werdet ihr mit den eingangs erwähnten Zusatzherausforderungen belohnt, sprich besonders kniffligen Leveln, die keine Rücksetzpunkte bieten und in einer vorgegebenen Zeit absolviert werden müssen.

 

Fazit

Summary

Ein sogenanntes Flow-Erlebnis kommt in der Regel erst zustande, wenn man komplett in einer Spielerfahrung versinkt. «Astro Bot: Rescue Mission» gelingt genau das, denn hier greifen wirklich alle Gamedesign-Komponenten sehr harmonisch ineinander. Das Leveldesign überzeugt auf ganzer Linie, das Pacing ist fantastisch, den Helden muss man einfach gernhaben, der Schwierigkeitsgrad bleibt stets fair und in Sachen Animationen und Sounduntermalung lassen die Macher ohnehin nichts anbrennen. Hinzu kommt: Motion Sickness hat bei «Astro Bot» keine Chance und trat – zumindest in unserem Test – zu keiner Zeit auf. Hiermit kann also fast jeder Spass haben, selbst Personen mit sehr empfindlichem Magen. Kritikpunkte? Sind wenn überhaupt die fehlende Online-Bestenlisten- und Zeitmessungs-Funktion (was Speedruner stören dürfte) und die Tatsache, dass der VR-Traum im Schnitt nach sechs bis acht Stunden schon wieder vorbei ist. Ihr nehmt diese Macken zum Preis von 50 Franken in Kauf? Dann führt eigentlich kein Weg an dieser wirklich einmaligen VR-Erfahrung vorbei! Bravo Sony! Bitte mehr davon!

Pros

  • Gekonnte Nutzung der VR-Stärken
  • Sehr abwechslungsreiches Leveldesign
  • Gelungene Einbindung des DualShock 4 Controllers
  • Motion Sickness ist kein Thema.
  • Knifflige Zusatzherausforderungen

Cons

  • Bereits nach 6-8 Stunden durchgespielt.
  • Keine Bestenlisten-Funktion
  • Keine Koop- oder Multiplayer-Komponente
  • Kein Zurückbewegen der Kameraposition möglich.

Bewertung im Detail

  • Präsentation
  • Umfang
  • Sound
  • Gameplay
8.6 10 Empfehlenswert!