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Der Literatur-Klassiker von Franz Kafka „Die Verwandlung“ wird virtuell erlebbar

Literatur von Franz Kafka  kann man lesen oder mit einer Virtual-Reality-Brille neu entdecken. Bei „Die Verwandlung“ spürt man am eigenen Leib, wie es ist, in einem Insektenkörper zu stecken.

Die Zahl der Buchkäufer sinkt und sinkt. Es ist schwer, vor allem die jungen Menschen vom Display wegzulocken und für literarische Fantasie­welten zu begeistern. Längst ist die grosse Literatur deshalb umgezogen – heraus aus der Komfortzone zwischen zwei Buch­deckeln, hinein in die neuen Medien: Hörbücher, E-Books, ­Social-Media-Kanäle.

Der Amerikaner Mika Johnson setzt nun ganz neue Massstäbe. Der Regisseur und Kafka-Fan lehrt an der Prager Filmhochschule und hat aus einem Stück Weltliteratur einen virtuellen Trip in Kafkas Welt erschaffen. „VRwandlung“ heisst Johnsons Kunstprojekt. Die Auftragsarbeit für das Goethe-Institut in Prag ist gerade auf Welttournee.

Um Kafka erlebbar zu machen, fertigten tschechische Modellbauer das klaustrophobisch kleine Zimmer Gregor Samsas von Hand. Beraten von der Kafka-Gesellschaft und mit rührender Liebe zum Detail: Im Regal stehen eine Goethe-Anthologie sowie Briefe van Goghs und Grimms Märchen. Die Tape­tenmuster sind originalgetreu aufgemalt. Die Installation wurde hochauflösend fotografiert und in eine dreidimensionale, begehbare digitale Kulisse übertragen. „Ich wollte vermeiden, dass die Wände, das Holz und die Objekte wie in einem Computerspiel aussehen“, sagt Johnson. Mika Johnson liess das Zimmer für VRwandlung zunächst von Modellbauern in Prag anfertigen. Danach wurde es gescannt und animiert.

Infrarotkamera scannt den Körper

Ausgestattet mit einer Virtual-Reality-Brille sowie mit Sensoren an Händen und Füssen, verwandelt der Besucher sich in dieser Kulisse dann selbst in Gregor Samsa: Dazu wird der Körper gescannt, von Infrarotkameras gemessen und die Position im virtuellen Raum laufend berechnet. Der Besucher sitzt zu Beginn des Trips auf einem einfachen Metallbett, umgeben von düsteren Violin- und Celloklängen, und hört knackende, knirschende Geräusche, die bedrohliche Umbauprozesse in seinem Körper simulieren.

Der Herzschlag beschleunigt sich vom gewohnten Rhythmus zum Beat eines Insektenherzens. Senkt der Besucher den Kopf, erblickt er einen grauen Insektenpanzer. Bewegt er die Hände, bewegen sich sechs Arme. Klopfen und Rufe ertönen hinter den zwei Türen. Steht der Besucher auf, kann er durch das kleine Zimmer wandern, die Bücher auf dem Regal, die Fotos an der Wand studieren. Irgendwann folgt der Blick in den Spiegel: ein Schock, vor allem wenn man die Erzählung nicht kennt.

Gefangen im Insektenkörper

„Eine junge Japanerin stiess einen Schrei aus, als sie sich erblickte“, erzählt Mika Johnson. Ein Student tanzte versonnen vor dem Spiegel, erfreute sich der ungewohnten, schwerfälligen Bewegungen seines ­Insektenkörpers, des Wogens der Fühler. Einzelne Besucher meinten sogar, die Fühler auf dem Kopf zu spüren. Ein kleiner Junge wollte nach der Begegnung mit Kafka in der virtuellen Realität unbedingt die ganze Erzählung lesen.

Spätestens nach vier Minuten ist der Trip vorbei. Wer den Schlüssel in einer Schublade des Sekretärs gefunden hat, kann das Ganze abkürzen und damit eine Tür öffnen. Das Finale. Ein himmelshelles, weisses Licht blendet den in Gregor Samsa verwandelten Betrachter. Eine wuchtige, getragene Melodie, gespielt auf einer Orgel, ertönt – Samsas düsteres Musikthema.

Geht es nach Mika Johnson, schlössen sich an die „Verwandlung“ weitere Kafka-Stoffe an: eine Szene aus dem „Prozess“, ebenfalls nur einige Minuten lang, gefolgt von der „Strafkolonie“. Johnson ist von dem Autor geradezu besessen. Eben hat er in Prag zehn Kafka-Doppelgänger ge­castet für einen geplanten Film über einen fiktiven Sohn Kafkas.

Quelle: Stern / Youtube

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