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Pixel Ripped 1989 im PSVR-Test

90

Sehr gut!

Der Indie-VR-Titel «Pixel Ripped 1989» aus den Händen brasilianischer Entwickler ist eine mehrdimensionale Hommage an die Retrozeiten. In der Ära der tragbaren 8-Bit-Konsolen müsst ihr in dem Spiel-im-Spiel eure Videogame-Heldin «Dot» retten. Etwas Furchtbares ist nämlich geschehen: Der Cyblin-Lord, ein Oberfiesling mit Invasions-Gedanken zum menschlichen Planeten, kann euer Videospiel durchbrechen. Nicht nur befällt er mit der Zeit eure Lieblings-Spiele-Cartridges, sondern zerreisst euch manchmal gleich den Gameboy-artigen Handheld und dringt in die echte Welt ein. Das gilt es auf jeden Fall zu verhindern. Wir konnten für euch bereits die PlayStation-VR-Version ausgiebig testen. Das Spiel ist am 31. Juli auf Steam (HTC Vive, WMR) und im Oculus Store für 19.99 US-Dollar erhältlich.

In der Rolle der Zweitklässlerin Nicola taucht ihr in verschiedene 8-Bit-Spielelevels ein. Aber auch in der realen – tschuldigung: in der VR-Umgebung – müsst ihr einige Aufgaben erledigen und bei den Bosskämpfen passiert es dann: Der Oberfiesling kennt verschiedene Erscheinungsformen und schickt auch böse Tiere auf die Erde. Noch ist aber nicht aller Tage Abend: Um es zum bitteren Ende zu schaffen, wird euch jedoch einiges an Geschick, Tapferkeit und stählernen Nerven abverlangt, denn die Retrodaddeleien von damals, zu denen es einige witzige Anspielungen gibt, waren ja nichts für zartbeseitete Gelegenheitsspieler.

Ein längeres Projekt

2014 lief das Retro-VR-Projekt noch unter dem Titel «Pixel Rift». Die Hauptentwicklerin Ana Ribeiro, die um diese Zeit noch Studentin in London war, wollte den Titel eigentlich viel früher herausbringen. Damals hat sie noch über Monate hinweg an einer ersten Oculus-Demo gearbeitet. Als angeblich viele Journalisten und YouTuber auf ihr Projekt aufmerksam wurden, nahm sie ihre Arbeit als Full-Time-Entwicklerin wieder auf. Das Team arbeitete sogar trotz der gescheiterten Kickstarter-Kampagne von 2015 unermüdlich weiter an dem Projekt. Dass das natürlich bei einem sehr kleinen Entwicklerstudio nicht so schnell geht, war offensichtlich. Nach über drei Jahren Feinschliff hat die brasilianische Entwicklerin schliesslich mit Arvore 2017 einen Publisher und Investor gefunden, um die letzten Polituren an dem VR-Retroausflug mit demselben Game-Design-Team zu vollenden. Das Resultat ist nun eine finale Erstveröffentlichung, die wir als sehr gelungen erachten.

Gameplay

Während des langweiligen Unterrichts im Klassenzimmer wird natürlich unter der Schulbank «Pixel Ripped» auf dem «Gear Kid» gezockt. Der 8-Bit-Jump-and-Shoot-Scroller ist ziemlich einfach gestrickt und erinnert an bewährte Konzepte. In dem Linear-Plattformer, bei dem ihr im Wesentlichen hüpfen, beschleunigen und schiessen könnt, verstecken sich auch haufenweise versteckte Hinweise auf bekannte Perlen der Videospielgeschichte. Getreu der Klempnersaga heisst es gar einmal in lieblicher Rettungsbegrüssung, der Boss befände sich in einem anderen Schloss. Lustig: Auch die Endgegner-Türe öffnet sich einmal wie in Capcoms Mega-Man-Serie. Testen durfte ich vorab die PSVR-Version, bei welcher der DualShock Controller dank seiner Tracking-LEDs und Lagesensoren zum virtuellen Handkonsole wird. Ihr dürft euch aber keinesfalls von der Lehrerin erwischen lassen. Da hilft es manchmal, ein Papier-Blasrohr zur Hand zu nehmen. Indem ihr Papillons von der Decke holt, den Hellraum-Projektor einschaltet oder die Garderobe durcheinanderbringt, könnt ihr die berufsmüde Aufseherin in Schach halten – und: seelenruhig weiterzocken.

In der nächsten Welt geht es in einer Baumhüpf-Passage vergleichsweise fast schon gemächlich zu und her, bis der Cyblin-Lord geifernde Riesenvögel zur Erde schickt, die ihr mit eurem Gear Kid ins Visier nehmen müsst, damit nicht eure Mitschüler vom Picknick-Platz davongetragen werden. Für reichlich Abwechslung sorgen die Bosskämpfe mit Dimensionsverzerrung auf einer grossen 2,5-D-Pseudeansicht mit Riesensprites, gefolgt von flinkem Hüpfgeballere und Blasrohr-Interaktionen.

Wie zu den 80er-Jahren basiert die Einsicht in die Tücken der Ausweich- und Hüpf-Strategien auf ständigen Neuversuchen. Will man «Pixel Ripped 1989» am Stück beenden, verharrt man besser in dem jeweiligen Level-Abschnitt und legt zwischendurch eine Teepause ein. Zum Glück waren die Entwickler auch gegenüber Millennials ohne Retro-Erfahrung gnädig. So erstrecken sich die Bosskämpfe über mehrere Runden. Bei einem Scheitern setzt aber jeweils die letzte Kampfrunde ein.

Im Grossen und Ganzen ist der Schwierigkeitsgrad gut ausbalanciert, aber auch Achtzigerkinder meines Schlags waren ein paar Mal dem Fluchen nahe. So müsst ihr in einer Szene auf eurem Gear Kid mit einem Motorbötchen ziemlich schnell durch Drücken der oberen und unteren Richtungstaste einer Reihe von Säulen ausweichen, was einiges an Geduld erfordert. Spielen könnt ihr übrigens wahlweise mit dem Analog-Stick oder den Richtungstasten des DualShock Controllers.

Grafik, Sound und Präsentation

Erfrischend bei «Pixel Ripped 1989» ist die Präsentation der ganzen Retrosphäre mit TV-Werbungen aus den Achtzigern. Im späteren Spielverlauf wird es gar richtig multidimensional. Mit dem umgebastelten Gear Kid könnt ihr dann das Signal des Schulfernsehers hacken und darauf im Grossformat weiterzocken, nachdem die schimpfende Lehrerin eingenickt ist. Unterhaltsam sind da auch Zwischensequenzen wie die Papierschiffchen-Konversationen im Klassenzimmer. Für ein paar Lacher ist zudem gesorgt, wenn ihr später in einer grosspixeligen Retroszene einen anderen Videospielhelden aus den Fängen des invasiven Cyblin-Lords befreien müsst.

Die Umgebungsgrafik ist aufgrund der Comicwelt zwar nicht hochtexturiert. Eure Klassenkameraden und weitere Spielfiguren sind dennoch schön gezeichnet und animiert. Auf der PSVR wirkte zudem alles sehr scharf aus nächster Nähe. In den grossen Fullscreen-Battles, bei denen es manchmal ziemlich schnell zu und her geht, habe ich aber auch schon ein paar kleine Ruckler bemerkt, die womöglich noch mit einem Day-One-Update bereinigt werden. Überraschend sind zudem die vielen Sprachsamples. Die alte Lehrerin mit ihrer männlichen Stimme hält witzige Monologe in sonorem British Englisch ab. Und eure Mitschülerinnen und Mitschüler feuern euch so richtig an, wenn es dann vor dem letzten Endboss noch einmal richtig zur Sache geht. Dieser ist übrigens eine ziemlich harte Nuss.

PSVR-Version für Europa folgt in wenigen Tagen

Geplant war offensichtlich ein zeitgleicher Release für PSVR, Oculus Rift, HTC Vive und Windows Mixed Reality auf den 31. Juli 2018. Inzwischen sei es aber bei der europäischen PlayStation-VR-Version, die mich die Entwickler schon vorab testen liessen, zu einer kleinen Verzögerung gekommen. Man hoffe seitens des Publishers, dass sich die PSVR-Version für unseren Kontinent lediglich um etwa 10 bis 15 Tage verspäten werde. Die endgültige Freigabe hänge jedoch von Sony ab, weswegen man noch kein genaues Release-Datum nennen könne. Im Oculus Store ist der angekündigte Preis von 19.99 US-Dollar bereits ersichtlich.

Fazit

Summary

«Pixel Ripped 1989» versprüht viel Charme und macht nach einem Durchgang sogar Lust auf ein Wiederspielen, weil man sich von den vielen Animationen und blitzernen Special Effects schon beinahe ein wenig berauscht fühlt. Insgesamt ist der Retro-VR-Aufleger durch und durch gelungen, und es gab auch schon einen versteckten Hinweis auf einen möglichen Nachfolger. Die Spielzeit beträgt etwa drei bis vier Stunden.

Pros

  • Witzige VR-Interaktionen
  • Lustige Story/Charaktere
  • Flüssiges Gameplay
  • Viel Inhalt

Cons

  • Ein paar (sehr) fiese Stellen

Bewertung im Detail

  • Preis / Leistung
  • Sound
  • Gameplay
  • Umfang
9 10 Sehr gut!