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Hockey ohne Puck – die fast perfekte Illusion

Training dank virtueller Realität: Das NHL-Team aus Las Vegas hat schon eine solche Plattform. Und auch in der Schweiz kann man neuerdings virtuelles Hockey spielen und trainieren.

Wer die Virtual-Reality-Brille aufsetzt, wird in den Madison Square Garden katapultiert, in die legendäre Arena im Herzen Manhattans. Man steht auf dem Eis und blickt in die Ränge, die leer sind. Doch das Auge muss sowieso dem Mitspieler und dem Puck gelten. Obschon man physisch keinen Puck führt, spielt man virtuell mit ihm. Der Stock, den man in den Händen hält, ist am Schaft mit einem Sensor versehen. Die Illusion ist fast perfekt, der Stock vibriert sogar, wenn man den Puck erhält.

Was das NHL-Team in Las Vegas kann, können wir auch: Die erste Plattform der Schweiz für virtuelles Eishockey steht in in Nürensdorf und heisst Sense­Arena. Michael Würsten, 48,  führt zusammen mit seinem Bruder Florian, 46, einen Hockeyshop («HockeyBros»), wo Besucher sich auf einem Feld von synthetischem Eis, fünf mal vier Meter und begrenzt durch Banden bewegt. Seit gut zwei Monaten ist die Plattform hier zugänglich, in Fachkreisen hat es sich bereits herumgesprochen. Auch ZSC-Sportchef Sven Leuenberger war schon da.

NHL-Topskorer David Pastrnakist Ideengeber und Aktionär

Rund 80 Übungen stehen zur Verfügung, sie werden laufend aktualisiert. Sense Arena wurde 2018 von einem Start-up in Prag entwickelt, auch in Zusammenarbeit mit dem früheren NHL-Crack Patrik Elias und dem aktuellen NHL-Topskorer David Pastrnak (Boston), der auch Aktionär ist. Derzeit werden weltweit 26 Plattformen betrieben.

Die tschechischen Clubs Liberec und Dukla Jihlva haben eine, neu gibt es eine bei Stockholm. Die meisten stehen aber in Übersee: Die Washington Capitals kauften eine für ihre Junioren, und beste PR war, dass jüngst auch die Vegas Golden Knights als erstes NHL-Team eine Konsole erwarben. Die NHL-Franchise nutzt das Gerät nicht nur für die Spieler, sondern macht es auch den Fans zugänglich.

Taugt’s auch fürs richtige Training?

Ist die Plattform ein Videogame de luxe, oder können Hockeyaner tatsächlich etwas daraus lernen? Der Tscheche Vlasti Okrucky ist Nachwuchschef beim SC Weinfelden, Scout für die Young Lions Thurgau, leitet Slapshot-Camps – in Nürensdorf die meisten Sense-Arena-Trainings. Er machte die Gebrüder Würsten auf die Konsole aufmerksam und erwarb sie mit ihnen, gemeinsam haben die drei nun die Generalvertretung für die Schweiz. Der Nachwuchstrainer, seit 2009 in der Schweiz, sagt: «Viele Spieler sagen mir, sie profitierten bei der Entscheidungsfindung auf dem Eis. Es ist eine gute Möglichkeit, die Hockeyintelligenz zu trainieren.»

Viele Übungen zielen darauf ab, das schnelle Denken zu fördern. Gleichzeitig verschiedene Dinge zu verarbeiten, die Übersicht zu bewahren, schnell zu reagieren. Vlasti Okrucky denkt, dass der Lerneffekt bei Teenagern am grössten ist. Aber auch Profis könnten profitieren, wie man bei Pastrnak sehe.

Wöchentlich leitet der 39-Jährige rund 20 bis 30 Lektionen, Tendenz steigend. Wobei die Spieler, die es ernst meinen, zuerst einen Baseline-Test absolvieren, um Stärken und Schwächen zu ermitteln. Aufgrund dieser erstellt der Hockeyfachmann einen Trainingsplan. Ein 40-minütiges Training kostet 59 Franken, ein Fünferabo 279 Franken. Die Eltern müssen etwas Geld in die Hände nehmen.

Die Gaming-Generation ist sich die Flut von Reizen gewöhnt

Der grosse Vorteil gegenüber Eistrainings sei, dass man sehr konzentriert an gewissen Dingen arbeiten könne, sagt Florian Würsten: «Bei uns hast du in 90 Sekunden 30 Direktschüsse.» Die Einheiten sind intensiv, machen im Kopf müde. Die Gaming-Generation ist sich besser gewöhnt an die vielen Reize. Die Jungen bilden denn auch das Gros jener, die hier trainieren.

Würde es sich auch für einen National-League-Club lohnen, in eine solche Plattform zu investieren? Sie kostet 6500 Franken plus eine monatliche Lizenz- und Supportgebühr von 1600 Franken. Für den Privatgebrauch gibt es eine kostengünstigere Variante. Der Preis sei hoch, noch zu hoch, sagt ZSC-Sportchef Leuenberger. Aber das sei nicht das Entscheidende. «Wenn du diese Plattform seriös betreiben willst, musst du dafür einen Trainer abstellen, der sie in- und auswendig kennt. Und als Club muss man sich fragen: Hätten wir diesen Trainer nicht lieber auf dem Eis?»

Leuenberger glaubt, dass das virtuelle Eishockey einem Spieler punkto Übersicht und Hand-Augen-Koordination durchaus etwas bringen kann. Was nicht trainiert wird, ist das Läuferische. Und auch punkto Stocktechnik stösst die Plattform an ihre Grenzen, weil man physisch keinen Puck führt.

Vlasti Okrucky arbeitet sehr intensiv mit dem Gerät, schickt der Zentrale in Prag immer wieder ­Inputs, welche Übungen es noch brauche: «Gerade jetzt haben sie neue Übungen integriert, die ich angeregt habe: Give and go (Doppelpass) und Über- und Unterzahlsituationen. So entwickelt sich die Plattform laufend weiter.»

Das ist der grosse Vorteil der virtuellen Realität: Sie lässt sich beliebig modellieren. Deshalb erobert sie auch laufend neue Gebiete.

Quelle: Tagesanzeiger / hockeybros

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