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Von der Alltagsrealität zur „virtuellen Realität“

Was ist Realität? Eine Frage, die aus philosophischer Sicht keine allgemein verbindliche Antwort zuzulassen scheint, wird auch der Duden nicht klären können. Nichtsdestotrotz ist im Buch der Rechtschreibung „Realität“ nüchtern in vier Kategorien unterteilt, mit welchen sich arbeiten lässt: „Wirklichkeit“, „reale Seinsweise“, „Tatsache“, „Immobilien“. Während Letzteres nicht Thema ist, dienen die andern in diesem Artikel der Reflexion, werden aufeinander bezogen und führen zum Ende hin zur „virtuellen Realität“.

Von hinten aufgerollt zunächst zur „Tatsache“. Um den Begriff näher zu fassen, bietet es sich in der heutigen Zeit der Wikis (WikiLeaks, Wikipedia & Co.) an, Wiktionary zu konsultieren.  „Das freie Wörterbuch“, wie es selbstreferenziell heisst, definiert: „Etwas wirklich Vorhandenes, Existierendes.“ Dieselbe Quelle schlüsselt „Wirklichkeit“ wiederum als „auf Tatsachen beruhende äussere Welt“ auf. Was die „reale Seinsweise“ anbelangt, hinterlässt Wiktionary eine Lücke, für die der Duden lediglich ein Beispiel nennt: „die Realität der platonischen Ideen“ – sich an Platons Ideenlehre und der damit verbundenen metaphysischen Realität zu versuchen, sprengte an dieser Stelle aber den Rahmen.

(Un)lebendige Alltagsrealität

Unabhängig von Platon soll aber der Versuch gelten, bis hierhin Gesammeltes mit gleichen Worten frei zu übersetzen: Die „Realität“ ist eine wirkliche, sprich tatsächliche, das heisst existierende äussere Welt, in der zu sein wiederum Realität ist. Unabhängig von der übersetzerischen Nähe zum Gemeinten, halte der Satz dafür her, zu ihm ein paar Gedanken zu spinnen und/oder auch gedanklich zu spinnen: Kann Wikipedia geglaubt werden, ist das, was existiert, „räumlich vorhanden“, mag laut Duden leben und im Sinne Wiktionary auch nicht: „Darüber existiert ein Gesetz“ – das, wenn auch vom Menschen gemacht, textlich auch bestünde, wenn er nicht mehr wäre. Gedruckt ist es auf Papier, das Bäumen entstammt, die wiederum gelebt haben. Angenommen, gar alles, was in der äusseren Welt existiert, hat mit Leben zu tun, stellt sich noch die Frage, ob, was ist, selbst ohne Leben sein kann – Steine etwa.
Untersuchungsergebnisse, welche die Bremer Universität 2008 von Jörn Peckmann veröffentlich hat, deuten entgegen verbreiteter Ansicht darauf hin, dass Steine belebt sind und bezieht sich dabei auf mehrere Hundert Millionen Jahre alte Spuren von Mikroorganismen in Sedimentgesteinen.

Überhaupt ist die Welt unter dem Mikroskop betrachtet voll von flimmerndem Leben. Und wird die Natur als alles umschliessender Organsimus unserer Welt verstanden, lässt es sich behaupten, dass es keine tote Materie gibt, jedoch alles, und mag es noch so klein sein, belebt ist. Hiervon handelt ein Dialog in Gabriele Reuters „Der Spiegel des Ursprungs: Roman mit philosophischem Hintergrund“: „Aber was ist mit der Materie? Glaubst du, dass der Stein tote Materie sei?“ „Ist er das nicht?“ „Nein, nichts ist tot! Selbst die uralten Überlegungen von Aristoteles nicht. Sein Geist ist noch immer sehr lebendig in dieser Welt!“ „Aber der Stein oder das Stück Holz, sie sind doch tote Gegenstände. Sie bewegen sich doch nicht!“ „Von sich aus nicht! Aber durch die Naturkräfte wächst und bewegt sich auch der Stein. Nimm ein Stück Holz und verarbeite es zu einem Fensterrahmen. […] Er dehnt sich, quillt bei Feuchtigkeit auf, er verzieht sich.“ In dem Sinn ist auch eine Leiche lebendig, denn sie verändert sich, verwest. Weil sie aus Überresten eines verstorbenen Tieres oder Menschen besteht, wäre es bzw. er wiederum tot … oder lebte einfach nicht mehr in jenem abgetragenen Körper?

Ist die Innenwelt real?

Zeit, die Reissleine zu ziehen um am Ende nicht bei der Geburststunde der existierenden äusseren Welt angelangt zu sein. Mit der etablierten Annahme, dass sie als Realität von Leben durchwaltet ist, gilt noch zu erörtern, was es mit der inneren Welt auf sich hat. Ist sie denn nicht real? Häufig wird im Alltag auf die äussere Bezug genommen: Eine Ökonomin sagt etwa in einer Sitzung zum Kollegen, dass seine präsentierte Gewinnerwartung für das nächste Geschäftsjahr unrealistisch sei; eine Mutter ringt darum, dass ihr Sohn eine Lehre beginnt: „Es ist realitätsfremd von dir, zu denken, ohne Lehrabschluss als Grafiker angestellt zu werden. Das willst du doch, ja?“ In die Zukunft projizierte Realitäten, die als Vorstellungen vorhanden, bereits welche sind? Sie mögen es sein, weil sie ausgesprochen und in der äusseren Welt angekommen wie Aristoteles Ideen existieren, die trotz seines Todes hinausgetragen, in den Köpfen von Menschen fortleben. Im Innern aber, der inneren Welt. Ist denn die nicht real … oder was meint der Duden mit „äussere Welt“?

Dazu ein Beispiel: Wenn nun niemand erfährt, dass Isaac gerade eine Zigarette raucht und er denkt, dass sie grauslich schmeckt, ist dass denn eine Realität? Während es für andere insofern keine ist, weil sie nichts von ihr wissen, glaubt Isaac dennoch, sie erlebt zu haben. Er hat den Glimmstängel im Mund stecken gehabt, hat es nicht genossen, es sich im Innern gedacht und daher entschieden, nie wieder zu rauchen. Was wäre nun Realität, wenn sie bloss ausserhalb von uns als solche zählte, obschon Gedanken sie doch mitformen? Hätte Isaac nun an der Zigarette Gefallen gefunden und weiterzurauchen beschlossen, wäre es in der Aussenwelt für andere ersichtlich; sein innerer Entschluss, eine Tatsache, wäre im Aussen real geworden. Kurz vor dem Abgleiten in eine philosophisches Koma könnte nun also Realität als „eine auf Tatsachen beruhende äussere Welt“ derart interpretiert werden: Isaac weiterrauchen zu sehen ist eine Realität, die erst durch die Tatsache möglich geworden ist, dass er sich dazu entschlossen hat.

Was ist eine Tatsache und ist sie Realität?

Eine Tatsache selbst wäre so noch keine Realität, sie führt aber zu ihr, indem sie die äussere Welt mitausmacht. Umgekehrt wäre jemandes gedankliche Reaktion darauf, Isaac beim Rauchen zu sehen, von der Realität zur Tatsache reduziert. Ein bloss gedachtes „Was, der raucht?“ wäre keine Realität – das ist zu Beginn dieses Artikels mit „gedanklich spinnen“ gemeint gewesen und im Geraderücken des Verstandes sei nun mutig angenommen, dass sowohl Innenwelt als auch Aussenwelt tatsächlich Realität sind – schliesslich führt der Duden zum Begriff „Realität“ die Tatsache als einen Punkt auf. Doch was ist eine Tatsache?“ Das, was ist? Und was ist? Ist Isaacs heimliches Rauchen eine, wenn es auch nicht von einer zweiten Person bezeugt werden kann?

Wenn er sich die Zigarette vor einem Freund angezündet hätte, bestünde der Konsens. Max bestätigt, dass Isaac raucht. Im Konsens darüber mögen die zwei aber nicht sein, wenn es um die Frage geht, ob der Mensch im Grunde genommen gut oder es nicht ist. Wie verhält es sich tatsächlich? Ebenso bei kleineren Fragen fehlender Konsens, Beispiel: War es mutig, auf dem gemeinsamen Nach-Hause-Weg über einen Bach zu springen? Isaac tat es, er findet, ja. Max, nein, sein Freund habe den Bach ja locker überspringen können und in ihn zu fallen wäre nichts Gefährliches gewesen. Isaac: „Ich hätte mir das Bein an den spitzen Steinen aufschürfen können“, worauf Max erwidert: „Spitze Steine habe ich nicht gesehen.“ Was sind nun die Tatsachen? Beide sehen je eine andere, was den Mut und die Verletzungsgefahr betrifft und erleben für sich je eine andere Realität, während sie sich als geteilte darauf einigen, dass Isaac gesprungen ist.

Alltagsrealität und „virtuelle Realität“ in Gegenüberstellung

Und hiermit endlich zur „virtuellen Realität“, @ Wikipedia charakterisiert als „Darstellung und gleichzeitige Wahrnehmung der Wirklichkeit und ihrer physikalischen Eigenschaften in einer in Echtzeit computergenerierten, interaktiven virtuellen Umgebung.“ Spränge Isaac von ihr eingenommen in ihr über einen Bach, würde er womöglich ähnlich fühlen, Angst haben, den Sprung nicht zu schaffen und auf spitzen Steine aufzutreffen. Das Programm könnte ihm grafisch seine aufgeschürften Knie zeigen, sein virtueller Körper wäre verletzt. Ist er Realität? Ist eine simulierte Verletzung Realität, während Isaacs Körper in der Alltagswelt unversehrt ist? Aus ihr entstanden, gäbe es ohne sie die „virtuelle Realität“ gar nicht erst.

Noch lassen sich die zwei Welten gut unterschieden, je mehr aber die virtuelle sich der alltäglichen annähert, je mehr der Mensch sich in Ersterer verliert und die Bindung zu Letzterer vernachlässigt, desto wirklicher, realer erscheint die virtuelle Welt und ad absurdum getrieben, mag am Ende geglaubt werden, sie sei die einzig tatsächliche – im Erleben ähnlich einem Traum, der für wirklich gehalten wird. Aber wie der Mensch in ihm zwar sein, aber aus ihm zu erwachen hat, um sich seine Existenz in der Alltagswelt zu sichern, wird er in der virtuellen Welt sein tatsächliches Leben mit noch so üppig programmierten Mählern nicht erhalten können und es ihm beim Essen qualitativ an Geschmack fehlen. Das Erleben im virutellen Raum ist eingeschränkt und eine genügende Selbstsorge virtuell nicht möglich. Eine solche „Realität“ ist eine reduzierte, laut Duden eine, die „nicht echt, „nicht in Wirklichkeit vorhanden, aber echt erscheinend ist“. „Wirklichkeit“ als echte, die Alltagrealität verstanden, unterstreicht, dass sie als existenziell notwendige Vorrang hat.

Demnach ist die virtuelle keine Alternativwelt, hat aber gleichzeitig mehr zu bieten, als es die Alltagsrealität kann; eine weitreichendere Freiheit etwa, Umgebung lebendig zu gestalten, die Möglichkeit, selber Berg zu kreieren, zu versetzen, um sie herumfliegen zu können und sich eben nicht das Knie zu schürfen, wenn über einen eigens geschaffenen oder von einer Programmiererin bereitgestellten Bach gesprungen wird. Vieles wird im Positiven möglich sein, in den Bereichen Gaming, Medizin, Bildung, der Touristik und einigen anderen. Nun kommt es darauf an, wie sinnvoll der einzelne Mensch mit der „virtuellen Realität“ umgeht und inwiefern darüber Konsens entsteht.

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